Sonntag, 17. Juni 2012

Ach, wie niedlich!

Es war einmal vor langer, langer Zeit ... 

meine Cousine feierte ihre Hochzeit und ich durfte Blümchen streuen. Zwei Kinder streuten vor dem Brautpaar, zwei dahinter. Ich war eins von den dahinter streuenden Blumenkindern. Wann meine Cousine geheiratet hat, müsste ich sie mal fragen, aber ich schätze mich zu der Zeit so ca. 5 Jahre alt, demnach müsste es 1959 gewesen sein.




Bereits Wochen vorher wurde eine Schneiderin, die bei allen im Dorf bekannt war, beauftragt, für diesen Zweck ein Kleidchen für mich zu schneidern. Dazu mussten natürlich auch eine Haarschleife und zwei Schleifen für den Blumenkorb genäht werden.
Sie kam auf den Hof (meine Cousine lebt auf einem großen Bauernhof, wo die Hochzeiten noch auf der Diele gefeiert wurden) und bekam das Nähzimmerchen zugewiesen, wo ich als Kind gern spielte, während die Schneiderin nähte. 

An der Hochzeitstafel mit meinem Kleidchen plus Bolerojäckchen


Neulich nun besuchte ich wieder einmal meine Tante Henny (100) dort in dem Kleinstädtchen im Seniorenheim. Wir hatten in einer Ecke des großzügig geschnittenen Ganges einen Kaffeetisch reserviert, Kuchen mitgebracht und sprachen über alte Zeiten, als eine andere ältere Dame den Gang entlang kam. Stark gehbehindert, aber geistig noch sehr wach, begrüßte sie meine Tante, die uns erzählte, das sei Elfriede. "Elfriede? Wie ... Elfriede? DIE Elfriede K. etwa, die mir damals ein Kleidchen für die Hochzeit meiner Cousine genäht hat?" Elfriede K. war es ... ja ... und sie lächelte und meinte, sie habe in ihrem Leben schon so viele Hochzeitskleider und festliche Kleider genäht, dass sie sich nicht mehr daran erinnern könne. 
Dann schilderte ich meine Wahrnehmung von ihr aus der Zeit, als ich kleines Kind war und ein Strahlen ging über ihr Gesicht. Wenn sehr alte Menschen an Erlebnisse ihrer früheren Lebensjahre erinnert werden, richten sie sich plötzlich auf, strahlen jugendliche Frische aus und beginnen zu plaudern.
Meine Mutter war auch mit bei Tante Henny und nahm sich vor, nach dem Kleidchen mal in ihren Schränken zu schauen. Auf dem Dachboden hat sie wohl einiges noch aufgehoben. Und ja ... sie wurde fündig!
Ich durfte das Kleidchen mitnehmen und möchte es hier heute vorstellen:

Das komplette Ensemble mit Samtbolero

Kleid mit Schößchen und Puffärmelchen

Hinten ziert eine große Schleife den Rücken

Ein braves Mädchen trägt auch einen passenden Unterrock

Brave Kinder gab es noch im letzten Jahrhundert ;-)
und sogar Bügel für brave Kinder.
Was die frechen Kinder wohl für Bügel hatten?

An den folgenden Details möchte ich zeigen, wie exakt die Frau K. damals gearbeitet hat. Ob man heute dieses Handwerk noch so erlernt?
Gesmokt und angenäht: Der Rockteil des Unterrocks

Auch unter dem Kleid ging's anständig zu: das passende Unterhöschen,
das natürlich bei dem großen Abstand des Rocksaums vom Knie
zwingend notwendig war

Alles mit Extrazuschnitten fein von Hand versäubert


Perfekt - das Puffärmelchen

Das Innenleben kann sich sehen lassen

Der vermaledeite Druckknopf

Dieser Druckknopf geistert noch heute als Anekdote durch die Familiengeschichte, denn angeblich ging er während der Feier immer wieder auf und ich lief dann wohl jedes Mal zum Pianisten und bat darum, mir den Knopf wieder zu schließen, was der Herr mit amüsiertem Gesicht immer wieder bereitwillig tat.

Nun ist das Kleidchen gewaschen und frisch gebügelt und ich würde es gern einer passenden Puppe anziehen. Nur - wie komme ich an so eine Puppe? Wer hat Ideen für mich?
Im Internet habe ich schon nach Schaufensterpuppen recherchiert, die aber doch recht teuer sind.
Außerdem sehen die so "steril" aus. Ich werde trotzdem mal im örtlichen Handel nachfragen ... vielleicht mit dem Kleidchen in einer Tüte zum Anprobieren. Ob man jemanden damit animieren kann, mal im Lager zu stöbern?

Sollte mir das gelingen, habe ich noch im Sinn, beim nächsten Tante-Henny-Besuch nach Elfriede K. zu fragen und ihr das Schätzchen von damals zu zeigen. Das muss für die alte Dame doch sehr berührend sein ...

Kommentare:

  1. ..tolle Geschichte, liebe ULP..
    ..ja, und auf jeden Fall, sprich nochmal mit der Dame über das Kleid, sie wird sich freuen, denn die älteren Herrschaften mögen die vergangenen Dinge...ich sehe es jeden Tag in der Arbeit..sie sind dankbar, wenn jemand an ihrem Leben teilnimmt..in welcher Form auch immer..

    ..außerdem ist es immer wieder wunderbar zu sehen, dass doch nicht alles entsorgt wird in unserer Gesellschaft, was man im Moment nicht braucht..und so viele Dinge können so viele schöne Geschichten erzählen...

    Hab eine schöne Woche...

    LG USP

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  2. Liebe Ulrike, meiner Mutter habe ich eine Puppe nach
    dem Werkbuch für Mädchen von Ruth Zechlin genäht. Sie
    ist super schön geworden und meine Mutter war begeistert. Hergestellt aus Trikotstoff und fest gefüllt mit Schafwolle. Und bei unserer Aktion in
    der Wertstadt Mülheim hat Gila eine Puppe nach dieser
    Anleitung mitgebracht die Konrad heißt und angezogen
    wurde mit original Kindersachen und echten Schuhen.
    Liebe Grüße Birgit

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Danke, dass Du Dir Zeit für ein paar Worte an mich nimmst! Ich freue mich über jeden Kommentar und wenn Du ihn hier nicht sofort siehst, lese ich ihn doch sehr bald. Dann wird er hier auch öffentlich zu sehen sein.
Mit herzlichem Gruß
ULL-Rike